Wissenswertes für Tierärzte


Hausschlachtung, eine Sackgasse für den amtlichen Tierarzt

Erlauben Sie mir zunächst die grundlegenden gesetzlichen Grundlagen zu erörtern, da hier vermutlich einige Wissensdefizite vorliegen könnten. Die Hausschlachtungen sind geregelt im § 2a der Tierischen Lebensmittel-Hygieneverordnung (Tier-LMHV). Mit der ersten Verordnung zur Änderung von Vorschriften zur Durchführung des gemeinschaftlichen Lebensmittelrechts traten dann am 21.5.2010 die neuen Regelungen für Hausschlachtungen in Kraft. Hier die Details:
  • sie erfolgen außerhalb eines zugelassenen Schlachthofes

  • nur für den eigenen häuslichen Verbrauch zu verwenden. Das Fleisch darf für Dritte nicht in den Verkehr gebracht werden.

  • eine Schlachttieruntersuchung nur, wenn der Verfügungsberechtigte unmittelbar vor der beabsichtigten Schlachtung eine Störung des Allgemeinbefindens des Tieres festgestellt hat, die nicht auf einen unmittelbar zuvor eingetretenen Unglücksfall zurückzuführen ist. Das bedeutet, dass auch bei Hausschlachtungen als Notschlachtung eine Anmeldung zur Schlachttieruntersuchung nicht obligatorisch ist.

der Verfügungsberechtigte

  • muss Hausschlachtungen zur Fleischuntersuchung anmelden.

  • muss Tiere, die Träger von Trichinen sein können zur Trichinen-US anmelden.

  • muss den in Aussicht genommenen Zeitpunkt der Schlachtung bei der Anmeldung der zuständigen Behörde mitteilen.


  • Diese Regelungen gelten nur für als Haustiere oder Farmwild gehaltene Huftiere, nicht für Hasentiere oder Geflügel. Letztere unterliegen bei der Hausschlachtung keiner Regelung. Als Huftiere zählen in diesem Fall: Schwein, Rind, Pferd, Ziege, Schaf, etc.

  • Eine Kennzeichnung des Schlachttierkörpers ist nicht vorgesehen. Die Verordnung enthält keine Vorschriften über nationale Genusstauglichkeitskennzeichen. Der Nachweis der erfolgten Untersuchungen ist somit nur über die entsprechenden Belege möglich.

Soweit die wesentlichsten Neuerungen und Anforderungen für Hausschlachtungen. Uns amtlichen Tierärzten stellt sich im Zusammenhang mit der Reformierung der Vorschriften über die Hausschlachtungen die Frage nach dem Sinn und der Notwendigkeit solch gravierender Änderungen. Das alte System der Hausschlachtung mit Lebenduntersuchung und Kennzeichnung des Schlachttierkörpers gab eigentlich allen Betroffenen ein Maximum an Sicherheit. Die de facto Übertragung der Lebenduntersuchung auf den Landwirt bringt sehr wohl Risiken mit sich, auch wenn diese beim Gesetzgeber nicht die, nach unserer Ansicht, notwendige Beachtung finden. Die Beurteilung des Allgemeinbefindens, bzw. des Gesundheitszustandes wird bedenkenlos vom Tierarzt auf den Landwirt transferiert. Einzig durch die Schlachtkörperbeurteilung soll der amtliche Tierarzt den Gesundheitszustand eines vorher (in welchem Zustand auch immer)lebenden Tieres beurteilen. Selbst versierte Pathologen werden immer wieder bei der zu definierenden Diagnose mit kaum lösbaren Problemen konfrontiert. Vom amtlichen Tierarzt jedoch wird eine unumstößliche und juristisch haltbare Beurteilung des (Schlacht)Körpers als selbstverständlich gefordert. Ein schwieriges bis teilweise nahezu unmögliches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass auch Landwirten, natürlich ungewollt, Fehler bei der Beurteilung des Allgemeinbefindens des Schlachttieres unterlaufen könnten. Bleibt zu hoffen, dass sich dann der Verzehr wirklich nur auf die engsten Familienangehörigen beschränkt. Aus dieser Perspektive wäre Blauäugigkeit bei der Umsetzung der Hausschlachtungsmodalitäten das falsche Procedere, das nur den schwarzen Schafen der Branche in die Hände spielt. Zugegeben, durch den Wegfall der Kennzeichnungspflicht (Abstempeln) entsteht der Eindruck der amtliche Tierarzt wäre aus der Verantwortung genommen. Ein trügerischer Aspekt, dokumentiert doch der amtliche Tierarzt mit dem Eintrag der Schlachtung in das Fleischbeschautagebuch seine Tätigkeit und steht dadurch zumindest partiell erneut in der Verantwortung. Der Landwirt allerdings steht, wenn er lege artis handelt und kein Fleisch in den Verkehr bringt für dieses Abgabeverbot grundsätzlich in der vollen Verantwortung. Im missbräuchlichen Ernstfall wird man jedoch mit Sicherheit versuchen den schwarzen Peter abzuwälzen und den amtlichen Tierärzten die Schuld in die Schuhe zu schieben. Dies wäre nicht das erste Mal so und hat ja zunächst auch immer funktioniert. Vergessen wir nicht, für Medien und Politik wären wir amtlichen Tierärzte die Spezialisten, die vorhandene Mängel hätten entdecken müssen. Erst sekundär und mit deutlichem zeitlichem Abstand wird man nach weiteren Verantwortlichen fragen, wodurch evtl. die gesamte Wahrheit ans Tageslicht kommt. Um diesem Szenario vorzubeugen und nicht in die vorgenannte Situation zu geraten, scheint es sinnvoll bei Bedarf auf das Mittel der bakteriologischen Untersuchung (BU) zurückzugreifen. Ich befürchte aber schon jetzt eine diesbezügliche Abwehrhaltung der Landwirtschaftsvertreter, weil zu hohe, vermeidbare Kosten entstünden. Diese Sichtweise ist meines Erachtens allerdings nicht haltbar, da es sich hierbei um ein Instrument handelt, das gerade die Hausschlachtung auf ein akzeptables, sicheres Verzehrsniveau hebt.

An dieser Stelle sei es gestattet, die Notwendigkeit das bisher funktionierende System der Hausschlachtung zu ändern, noch einmal zu hinterfragen. Selbst aus der Landwirtschaft mehren sich Stimmen, die kein Verständnis für die neuen Hausschlachtungsmodalitäten zeigen. Wir brauchen uns außerdem nicht zu wundern, wenn immer mehr Kolleginnen und Kollegen sich dieser Verantwortung entziehen wollen und die Fleischhygieneuntersuchung an den berühmten Nagel hängen. Man macht es uns amtlichen Tierärzten wahrlich nicht leicht.


Dr. Paul Münsterer




2019 TBV-OBB